Das Märzaquarell

Christoph Niemann – Souvenir Kalender Diogenes 2020

Während ich also ein über dem Esstisch hängendes Aquarell betrachte, das mir einen Ausschnitt einer Stadt zeigt, überlege ich, um welche Stadt es sich wohl handelt.

Eine Art postmoderner Fernsehturm sticht markant aus der Ansicht heraus. Ein hohes, schlankes Gebilde, das zunächst in drei breiter werdende Ringen mündet, bevor auf Höhe des dritten Rings der Turm spargelgleich weiter emporschießt. Bis hin zu einer flachen weiten Tasse, die aber ebenfalls nur einen Abschnitt im Gesamtgebilde bildet. Denn darüber erhebt sich noch eine lange abschließende Spitze. Recht einzigartig, wie es mir scheint.

Vielleicht Sydney, denke ich mir. Sicher bin mir da aber nicht. Denkbar ist auch eine jener aufstrebenden Städte an den Küsten Ostasiens, grübel ich weiter. Oder Arabiens. Obwohl. Der dargestellte Parkbewuchs nicht weit von einem Ufer entfernt erinnert mich eher an Berlin. An Kreuzberg genauer gesagt. Na egal, denke ich mir. Sicher wieder nur eine dieser Küstenstädte, die dem Untergang geweiht sind.

Das menschliche Begehren, Momente und Perspektiven festzuhalten, nimmt geradezu verzweifelte Züge an, wenn es darum geht, Sydney, Shanghai, New York oder Amsterdam festzuhalten. Jetzt, da sie noch schön und majestätisch und begehrenswert sind.

Doch für wen? Für uns als Mahnung nun endlich unsere Leben mal zu ändern? Oder etwa für die Überlebenden der Zukunft? – Guck mal. So schön ist es dort mal gewesen. Vielleicht für unsere Nachkommen? – Aber wen wird denn dann dieser alte Scheiß noch interessieren? Untergegangene Städte und verstreute Gebeine. Autoleichen und gähnende Leere in den ehemaligen Fenstern und Eingängen. Zumindest als ein Schwur des Künstlers, die Herrlichkeit dieser tot geweihten Orte niemals zu vergessen, mutmaße ich abschließend. Unangenehm berührt wende ich mich ab und betrachte stattdessen das zum Abwasch bereite Geschirr auf dem Tisch. Die Sinnlosigkeit des menschlichen Treibens erscheint mir so klar und unumgänglich, daß es mir schwerfällt, mich dem alltäglichen Abwasch hinzugeben. Einfluß nehmen. In die einzige Richtung drängen. Kompetent und laut. Das würde sich sicher richtig anfühlen. Ich seufze, greife mir den mit Silberfäden durchsetzten Geschirrlappen und bemühe mich das Wasser auf ein vertretbares Maß einzustellen.

Doch es schießt unerwartet heiß aus dem Wasserhahn und verbrüht mir den rechten Handrücken samt Finger. Ich schreie auf und denke mir, welches Glück doch die Küstenmetropoleneinwohner dieser Welt haben werden, denn so heiß sollte wahrlich niemand ertrinken. Ich kippe mir zunächst Essig über die Verletzung, bevor ich ein Tuch damit großzügig befeuchte, um es einstweilen auf die Hand zu legen. Eine wahre Wohltat. Dann haufenweise Globuli gegen Verbrühung. Und später erst die krasse Elyth – Salbe, die bei Verbrennungen und dergleichen bis Stufe 2 erfolgreich greift. Ich schaue mir wieder das Aquarell an, während ich den Essig und die Globuli wirken lassen.

Das Haus meiner Eltern liegt auf 314m ü.NN. Das sollte doch reichen. Unterm Strich: Fein raus. Wozu also über das Schicksal von Menschen nachdenken, denen ich niemals begegnen werde? Nicht wenn sie nicht zum Haus meiner Eltern kommen und klingeln. Und da bin ich dann stets befangen. Und was sollen die Leute auch groß zu mir sagen: „Mensch Geruede! Du hattest ja so Recht. Verdammt nochmal! Warum hat nur niemand auf Dich gehört?“ Tja,“, werde ich antworten, „weil ich ein Niemand bin und keinen Einfluß habe. Und Geld schon gar nicht. Guten Tag!“

Geruede – am Sammeln

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